Sonntag, 31. Mai 2015

Lebensretter 1.0

Es begab sich gestern, dass wir wieder einen Familiengeburtstag hatten. Die Cousine meines Papas feierte ihren großen Tag wie immer mit allen die zu unserer Feierrunde dazugehören.
Manche würden dies schon als große Runde für einen runden Geburtstag bezeichnen. Für uns ist das jedoch normal. Wir feiern jeden "kleinen" Geburtstag in dieser Konstellation.

Nach Kaffee und Kuchen kamen die Chips und Flips auf den Tisch. Wir waren eine gemütliche Truppe und alle unterhielten sich gut.

...

Bis meine Oma auf einmal die Augen verleierte und nicht mehr reagierte. Ich saß ihr schräg gegenüber und war gleich bei ihr. Sie versuchte etwas zu sagen, was aber total unverständlich und vernuschelt war. Ich war so aufgeregt, dass ich nicht mal ihren Puls fühlen konnte. Das einzige was ich gleich rief: "Ruft mal jemand an." Präziser hatte ich mich nicht ausgedrückt. Aber zum Glück wusste mein Cousin gleich, was ich meinte. Er rief den Rettungsdienst und beschrieb die Symptome auch gleich so, dass ein Notarzt mitgeschickt werden konnte.
In der Zeit kam meine Oma zum Glück wieder zu sich und war auch wirklich gleich wieder recht klar. Sie wusste erstmal gar nicht, was passiert war. Aber sie war wieder bei uns und konnte normal mit uns erzählen.

Als der Notarzt eintraf, fiel mir ein Stein vom Herzen. Der Gute hatte schon mal unseren kleinsten gerettet - vor 5 Jahren bei seinem 1. epileptischen Anfall. Und da er Internist in der Klinik ist, in der ich ab morgen wieder anfangen darf, kannte ich ihn und wusste um seine ärztliche Kompetenz und seine Menschlichkeit.

Ich versuchte ihm die Symptome und das Geschehen zu schildern, sagte aber auch gleich, dass ich selber so aufgeregt bin, dass ich nicht weiß, ob ich das gerade richtig wiedergebe.
Nachdem ich meinte, der Puls sei unregelmäßig, fühlte er und dann war gleich der Satz "und vor allem LANGSAM". Und das war er wirklich. Als Oma ans EKG angeschlossen war, sah ich die Herzfrequenz: 29.
Huiui. Normal ist der Puls/die Herzfrequenz zwischen 60 und 80 Schlägen pro Minute. Oma ihr Herz schlug nur halb so schnell. Da war mir klar, dass ich den Puls deswegen so schlecht gemerkt hatte.

Nachdem die Flexüle gelegt war, versuchte der Notarzt mit Atropin den Puls in Normalbereich zu bekommen, dies half jedoch bei Oma nicht... Der Blutdruck war jenseits von gut und böse - etwas um die 200, aber eher nicht messbar...
Oma wurde erstversorgt und mit in die Klinik genommen. 

Mein allererster Gedanke war ja ein Schlaganfall. Aber da sie so schnell wieder bei uns war, konnte das der Notarzt wohl eher ausschließen und sein erster Satz nach Blick auf das EKG lautete daher eher "Sie werden wohl einen Schrittmacher brauchen".

Mein Papa fuhr gleich mit meiner Mama zu Oma nach Hause und packte die Krankenhaustasche und nahm die notwendigen Papiere mit. Aus dem Krankenhaus hielt er uns dann telefonisch auf dem Laufenden, bevor meine Eltern dann irgendwann auf unsere Familienfeier zurückkehrten.

Oma bekam noch in der Notaufnahme einen provisorischen Herzschrittmacher gelegt, der notfalls eben eingreifen soll, sollte ihr Herz wieder zu langsam schlagen.
Danach wurde sie auf die Intensivstation verlegt.

Nachdem alle noch Anwesenden den Schock verdaut hatten, sprach das Geburtstagskind "Darauf gibts jetzt erstmal Schnaps für alle". Und ja, genau das brauchten wir wohl auch... Ich war wirklich in der Situation die am schlimmsten Betroffene. Mein Papa hatte eine Ruhe. Ich beneide ihn sehr darum. Aber alle haben versucht, mir danach Mut zuzusprechen. Ich habe mir unglaublich Vorwürfe gemacht, dass ich nichts für sie tun konnte. Aber ich habe richtig reagiert und hätte einfach nicht mehr machen können...
Und dass ich keinen Puls merkte, lag zum einen an meiner eigenen Aufgeregtheit und zum anderen aber daran, dass am Anfang wohl wirklich kein Puls da war. Es war wohl ein Herzstillstand, den meine Oma da erlitten hat... Schon krass.

...

Die Nacht habe ich natürlich nicht wirklich gut geschlafen. Ich habe immer wieder im Kopf die Situation noch mal wiederholt. Und bin jedes einzelne Wort und Geschehen noch mal nachgegangen. Aber es war alles gut so wie es gewesen ist. Damit muss ich mich nun abfinden. Wir haben alle richtig und gut reagiert. Wir waren eine Einheit und jeder hat für sich richtig gehandelt. Die Männer haben den nötigen Platz geschaffen, Tische und Stühle aus dem Weg geräumt und ich habe mein Bestes gegeben, 1. Hilfe zu leisten. Auch wenn diese in dem Fall eben sehr beschränkt war.

...

Meiner Oma gehts heute schon wieder den Umständen entsprechend gut. Wir haben sie am Nachmittag besucht. Sie liegt eben auf ITS. Aber sie ist fit und munter und hat sogar schon nach einem Rätselheft verlangt. Das habe ich ihr natürlich sehr gerne mitgebracht.
Morgen entscheidet es sich, ob sie einen richtigen Herzschrittmacher benötigt. Das im Moment ist ja nur vorübergehend. Aber bisher wurde er nicht benötigt und ihr Herz hat die Arbeit normal wieder aufgenommen und seinen normalen Rhythmus wiedergefunden. Herzfrequenz war bei unserem Besuch auch völlig okay. Aber mit 56 knapp unter Normal...

Ich bin schon sehr erleichtert. Da sieht man aber mal, dass man als Angehöriger genauso macht- und hilflos ist, wie jeder andere auch... Die Ausbildung spielte keine Rolle. Ich war einfach nur die Enkelin...

Wie hat es mein Cousin am Abend noch so schön formuliert: "Ich habe mir doch schon die Getränke zum 90. ausgesucht. Da muss sie schon noch etwas durchhalten. ;)" (meine Oma wird im Oktober 82 Jahre alt!)

Oma ich liebe dich!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen